Journalisten: die Prostituierten des digitalen Wandels

Ohne große Umschweife kann man den Kern des Problems benennen und zu diesem "Fazit" kommen (Zugegeben: die Überschrift ist absichtlich so gewählt und es hat anscheinend auch funktioniert, sonst wären Sie nicht hier...)

Des Pudels Kern

Übersättigung.

Das Angebot übersteigt die Nachfrage bei Weitem.
Es gibt zu viele Journalisten, oder solche, die sich Journalisten nennen und ebenso viele Publikationen.
Nicht für jeden ist zu den aktuellen Konditionen ein Stück vom immer kleiner werdenden Kuchen übrig.

Ein Gruß aus realitätsfremden Elfenbeintürmen

Schauen wir uns die Chef- und oberen Management-Etagen der Medienhäuser einmal näher an. Viele Spinnweben, viele, die ihre Köpfe so tief in den Hintereingängen ihrer Vorgesetzten geparkt haben, dass sie kaum noch wahrnehmen, was außerhalb ihrer 80-er Jahre Einzelbüros geschieht.

Symbolfoto: erlebt bei den Echo Medien Verlagsleitung

Täglich der gleiche Trott; umgeben von ebenso übermäßig bezahlten, gewerkschaftlich organisierten, angestellten "35-Stunden"-Redakteuren aus dem vergangenen Jahrhundert. Viele haben Probleme ihre Computer Effizient zu bedienen, aber einen dicken Dienstwagen und selbstverständlich die neuesten Telefone und Tablets aus dem Hause Apple.
Um sich all das leisten zu können, sitzen neben dieser (hoffentlich) aussterbenden Gattung des selbsterklärten Alpha-Redakteurs, billige Volontäre und Freelancer. Für die Hälfte des Geldes und 40 statt 35 Arbeitsstunden, bzw. zu noch schlechteren Konditionen, wenn sie "Freie" sind. Lösungsweg A.

Das sind keine Märchen, sondern die Realität, die ich selbst einige Jahre miterleben konnte.

Hinzu kommen menschliche Dynamiken, die in vielen Organisationen, die jahrelang wie die Made im Speck leben konnten, als "normal" betrachtet werden. Erschreckend hoch ist allerdings die Quote dieses asozialen Verhaltens in der Verlagsbranche und im Journalismus (zumindest dort, wo ich es aus der Nähe betrachten konnte).
Vielleicht ist aber auch das "normal". Es muss ja mittlerweile ein jeder dort kapiert haben, dass dieses Schiff nicht ohne Verluste wieder trocken gelegt werden kann.

Schlechte Qualität

Schaut man sich die Erzeugnisse an, stellt man schnell fest: es gibt ein paar ganz wenige Juwelen und eine gigantische Menge an Presse- (aka. Propaganda)Meldungen, Re-Publikationen, Kommentaren und natürlich sonstigem Schmutz, der aus den unterschiedlichsten Gründen von den Medienverlagen auf analogen und digitalen Kanälen in die Nachwelt geschmissen wird. Landet die Printausgabe noch schnell im Mülleimer, bleibt der digitale Dreck leider länger haften. Füllt unzählige Indexe und verschwendet Plattenplatz, sowie Aufmerksamkeit.

Don't fool me twice. Der Leser ist nicht blöd. Er merkt ziemlich schnell, aus welcher Quelle / Feder Gutes und aus welcher Mist kommt.

Den meisten Publikationen im Digitalen ist Gemein, dass wenige bereit sind dafür zu zahlen. Stop. Hier muss man ein wenig verharren und genauer betrachten, welche Erlöse sich die Verlags-Heinis sich für ihre Produkte überlegt haben. Mein Fazit: viel zu teuer - in Anbetracht der minderwertigen Qualität - und viel zu unflexibel. Merken wir uns diesen Punkt als Lösungsweg B.

Werbung als vermeintlicher Heilsbringer

So ziemlich jeder digitale Arm der Tagespresse packt die eigene Website mit Werbung zu. Die meisten fahren Mischmodelle: ein Teil kommt von Agenturen (OMS, Plista, etc..), ein Teil aus einem eigenen Ad-Server, um Kampagnen gezielter steuern zu können. Das Modell ist viele Jahre alt und sollte eigentlich längst ausgedient haben. Hier haben wir einen weiteren zentralen Knackpunkt, der von so vielen (vor allem den Verantwortlichen für diese Bereiche) nicht verstanden wird. Lösungsweg C startet hier.

Denn in Wirklichkeit ist die Werbung nicht der Heilsbringer, sondern der Freier.

Versteckte Werbung - Sponsored Content - als noch "schlaueres" Modell

Zum Thema Native Advertising / Sponsored Content & Nachrichten kann ich auch die South Park Episoden 8 und 9 der aktuellen Staffel (19) empfehlen.

Auch schon seit einiger Zeit gibt es Native Advertising. Von den Verlags-Verkaufs-Tanten und Onkels wird das gerne als toller Mechanismus angepriesen. Wir tarnen die Werbung einfach möglichst gut als "normalen" Artikel und kassieren die fetten Euros der Werbetreibenden. Der Leser ist uns ja eh egal. <- letzteres denken sie fast alle, doch laut aussprechen würden sie es nie. In jedem Konferenzraum, in dem ich in den vergangenen 5 Jahren saß und bei ähnlichen Themen den (oftmals kindlichen) Diskussionen lauschte, war genau das der Tenor.

Allen, die der Meinung sind, Native Advertising sei die Lösung ihrer finanziellen Probleme, sei gesagt: Ihr setzt auf das falsche Pferd. Es mag derzeit noch ein paar Euros in die Kasse spülen, doch der Verlust des Leser-Vertrauens ist unumkehrbar und hat mittel- bis langfristig fatale Folgen.

Soziale Plattformen als Outlet für asoziale Publikationen?

Das ist der neuste Schrei: nun posten sie ihre selbst erstellten (oder schlimmer noch: Re-Publishten) Inhalte auf Facebook, Twitter, Google+, Medium, Tumblr und eigentlich überall, wo wir nur irgendwie hin kommen können und nicht viel Aufwand betreiben müssen. DAS ist die Lösung! Vermutlich fiel dieser Satz häufig in den Meeting-Räumen unserer schlauen Alpha-Redakteure. Dumm nur, dass genau das ein Trugschluss ist.

Reichweite bringt eine solche Strategie selbstverständlich. Gleichzeitig spült man den Betreibern der Netzwerke einen ganzen Batzen Geld und Information in die Hände.

Damit es auch der Umnachtetste kapiert: genau hier fängt die Prostitution an.

Die Ultimative Lösung

Sie ist so denkbar einfach: Werbung in hochwertigen Publikationen komplett abschaffen.

Der Mittelweg

Auch das ist nichts Neues, daher hat es mich umso mehr verwundert, dass diese Lösung bei so wenigen Verlagshäusern Umsetzung findet:

  • Free = Werbebasiert
  • Paid = keine Werbung