Und genau deshalb kollidiert es strukturell mit Agile und SAFe[1] – nicht aus Ideologie, sondern aus Systemlogik.

Einordnung vorab

Dieser Text beschreibt nicht die Lehrbuchdefinition, sondern die typische Anwendung von RASCI [2] in Konzernen: als Matrix, die Verantwortung formal zuordnet, ohne zwingend Macht und Nähe zur Arbeit mitzuverlagern. Dort, wo RASCI sauber, diszipliniert und konsequent gelebt wird, ist es in sich konsistent – aber genau dort sind agile Arbeitsweisen meist nicht der passende Betriebsmodus. Der Konflikt entsteht in der Praxis, nicht auf Folien.

Warum RASCI existiert

RASCI beantwortet nicht primär die Frage „Wie entsteht Wert?“, sondern „Wer haftet, wenn etwas schiefgeht?“. Das ist in stabilen Umfeldern rational: klare Hierarchie, geringe Änderungsdynamik, externe Haftung (Audit, Compliance, Verträge). In solchen Kontexten wird Zuständigkeit als Kontroll- und Absicherungsproblem behandelt, nicht als Lern- und Flussproblem.

Der Sollbruchpunkt: Accountable ≠ Responsible

Der Kernmechanismus von RASCI ist die mögliche Entkopplung von Ergebnisverantwortung und Ausführung. In der gelebten Praxis sieht das häufig so aus: Die Person mit „Accountable“ sitzt weiter weg vom Problem und trifft Entscheidungen in abstrahierter Form; die Person(en) mit „Responsible“ tragen den operativen Aufwand und die Risiken im Alltag, aber nicht zwingend die letzte Entscheidungsmacht. Das erzeugt eine systemische Grauzone: Verantwortung ohne Mandat, Entscheidung ohne Konsequenz. In genau dieser Zone entstehen Eskalationen, Rechtfertigungsarbeit, Abstimmungsloops – und politischer Spielraum.

Warum SAFe RASCI implizit ersetzt

SAFe ersetzt RASCI nicht durch ein anderes Akronym, sondern durch Strukturmechanismen, die den Bedarf nach Rollenmatrix-Absicherung reduzieren.

Erstens folgt Verantwortung dem Wertfluss: Value Streams und Agile Release Trains machen sichtbar, wo Wert entsteht, wo Abhängigkeiten liegen und wo Blockaden auftreten. Dadurch wird Verantwortung weniger über Etiketten, sondern über den realen Fluss von Arbeit und Entscheidungen greifbar.

Zweitens werden Entscheidungsdomänen lokalisiert: Priorisierung, Backlog-Ownership, Architektur- und Umsetzungsentscheidungen sind (im Zielbild) dort verankert, wo Kontext vorhanden ist und Feedback schnell wirkt. „Accountability“ ohne Nähe zur Arbeit ist nicht das Designziel, sondern ein Anti-Pattern.

Drittens ersetzt systemisches Lernen die retrospektive Zuschreibung: Inspect & Adapt, PI Objectives und systemische Metriken verschieben den Fokus von „wer war es?“ hin zu „welche Entscheidung im System war falsch – und was ändern wir am System?“. Das ist ein anderer Steuerungsmodus als die nachträgliche Verantwortungszuordnung per Matrix.

Wer von RASCI profitiert

In der Praxis profitieren vor allem Akteure, die Entscheidungsmacht oder Einfluss ausüben können, ohne die operative Lieferverantwortung tragen zu müssen: hierarchische Ebenen, Governance- und Abstimmungslayer sowie Expertenrollen, die „Consulted“ bleiben statt „Responsible“ zu werden. RASCI stabilisiert damit Positionen und Schnittstellen – oft auf Kosten von Durchsatz, Klarheit und Anpassungsfähigkeit.

Wer den Preis zahlt

Den Preis zahlen typischerweise diejenigen, die liefern müssen: Teams, die Verantwortung tragen, aber nicht über die Entscheidungshebel verfügen; Product Owner mit formaler Ergebnisverantwortung, deren Priorisierung faktisch von außen überschrieben wird; Scrum Master/Team Coaches, die als „Supporting“-Auffangbecken für strukturelle Unklarheit dienen. Auf Organisationsebene zeigt sich das als sinkende Lernrate, mehr Koordinationsarbeit, langsameres Entscheiden und steigende Friktion.

Warum man RASCI und Agile nicht kombinieren sollte

Agile Steuerung (inklusive SAFe) zielt auf gekoppelte Verantwortung, lokale Entscheidungen, schnelle Rückkopplung und systemisches Lernen. RASCI zielt auf Rollenabstraktion, Absicherung und retrospektive Zuschreibung. Beides parallel zu betreiben erzeugt Doppelsteuerung: Teams sollen ownership-basiert handeln, gleichzeitig aber in einem Modell arbeiten, das Verantwortung entkoppelt und Abstimmung institutionalisiert. Das Ergebnis ist häufig nicht „Balance“, sondern Entkernung von Agile: mehr Politik, mehr Eskalation, weniger Flow.

Die eigentliche Wahrheit

RASCI wird dort eingeführt, wo Verantwortung sichtbar gemacht werden soll, ohne Macht an die Wertentstehung zu verlagern. Agile/SAFe (im Zielbild) tun das Gegenteil: Sie koppeln Entscheidung und Verantwortung an den Wertfluss und machen Systemprobleme über Feedback und Metriken sichtbar. Darum ersetzt SAFe RASCI nicht explizit – es macht es, wenn ernsthaft umgesetzt, strukturell überflüssig. Und genau deshalb kehrt RASCI in vielen Organisationen immer wieder zurück.


  1. SAFe (Scaled Agile Framework) ist ein Skalierungsrahmen für agile Produktentwicklung über mehrere Teams/Einheiten (z. B. über Value Streams und Agile Release Trains) mit Mechanismen für Koordination, Entscheidungsdomänen und systemisches Lernen. ↩︎

  2. RASCI (auch RACI/RASCI) ist eine Rollen- und Verantwortlichkeitsmatrix zur Zuordnung von Zuständigkeiten: Responsible (führt aus), Accountable (trägt Ergebnisverantwortung), Supporting, Consulted, Informed. ↩︎